Mode aus recyceltem Polyester

Plastik ist im Moment in aller Munde. Bei allen, die im Meer gefangene Fische oder Muscheln essen, gilt das sogar wortwörtlich. Selbst in Meersalz ist heute oft Plastik enthalten. Die Bilder von Müllstrudeln im offenen Meer, vermüllten Buchten, Stränden, Flüssen und Seen kennen wir schon einige Jahre. Sie Bilder stammen meist von recht weit weg, doch spätestens wenn kleine Plastikpartikel über den Teller zurück zu uns gelangen wird klar, dass diese Bilder auch etwas mit unserem Leben zu tun haben.

Schnell entsteht ein Eindruck als ob es sich beim Plastik um den nächsten großen Endgegner handelt. Vergleichbar der Atomenergie, der Kohleverstromung oder früher FCKW. Doch auch wenn schon viele die Parole "Plastic Free" ausrufen, so einfach ist die Lage nicht. Mit Blick auf Peak Oil, dem sogenannten Erdölfördermaximum hat der britische Umweltaktivist und „Transition-Towns“-Gründer Rob Hopkins mal gesagt, Erdöl sei für uns viel zu wertvoll, um es zu verbrennen. Da hat er auf jeden Fall recht. In vielen Bereichen sind erdölbasierte Materialien derzeit noch ohne ernsthafte umweltverträglichere Alternative. Das gilt nicht nur für die Medizin, sondern auch für Elektronik bis zur Ummantelung von Kabeln sowie Reifen und anderen Teilen nicht nur an Autos, sondern genauso an Fahrrädern, Bussen und Zügen. Plastikfrei leben ist in der modernen Gesellschaft nur als Totalaussteiger möglich. Aber es ist derzeit auch ökologisch gar nicht unbedingt wünschenswert. Schauen wir uns das einmal konkret für den Bereich Kleidung an.

Von der Ökobilanz her schlagen die saubereren unter den Kunstfasern (Polyester, Nylon) zumindest so einige konventionelle Naturfasern. Handelt es sich um Recycling-Polyester oder -Nylon haben diese sogar eine bessere Ökobilanz als die Bio-Versionen fast aller Naturfasern. Das gilt allerdings nur für den Weg bis zur fertigen Faser.

Wie wir inzwischen wissen – und es ist eigentlich erstaunlich, dass dies erst in den letzten Jahren als Problem erkannt wurde – verlieren Kunstfasertextilien bei der Wäsche Mikroplastik, also Fasern und Faserteilchen. Über das Abwasser gelangt dieses Mikroplastik in Flüsse und zum Teil schließlich auch in die Meere. Da es zumindest nach heutigem Stand der Technik nicht möglich ist die Faserteilchen wieder aus den Gewässern herauszubekommen, erscheint es sinnvoll zumindest zu vermeiden, dass weitere Faserteilchen hinein gelangen.

Eine Möglichkeit dies zu verhindern ist die Verwendung eines speziellen Waschbeutels, dem Guppy Friend (auch bei uns im Shop). Seine Erfinder haben ihn allerdings explizit nicht dafür vorgesehen damit den Verkauf und Kauf weiterer Kunstfasertextilien zu rechtfertigen. Zum Einen verlieren die Textilien, die besonders viele Fasern abgeben, diese auch schon beim Tragen und auch diese Fasern gelangen dann in die Umwelt und in Gewässer. Das sind besonders Fleece-Stoffe, aber auch Polyester-haltige Sweat- und Jersey-Stoffe. Zum anderen ist es mit Blick auf die Mikroplastik-Problematik generell ungünstig, wenn solche Materialien überhaupt angeboten werden und dann mit dem Zusatz „recycelt“ vielleicht sogar noch als besonders umweltfreundlich erscheinen. Schließlich wird nur ein sehr sehr kleiner Teil der Käufer von Kunstfasertextilien diese stets in einem Spezialbeutel waschen.

Ist Recycling-Polyester und Recycling-Nylon also generell keine gute Idee?

Das kommt darauf an, welche Materialien daraus hergestellt werden und ob die entsprechenden Produkte häufig gewaschen werden müssen. Polyesterbasierte Kunstleder und andere Kunstfaserstoffe für Sneaker, Taschen oder Rucksäcke sind zum Beispiel eine sehr gute Anwendung. Diese Produkte werden selten bis nie gewaschen und die dafür verwendeten Stoffe geben sehr wenig bis gar keine Fasern ab. Auch für Außenjacken sind Kunstfasern ein sinnvolles Material. Viele werden sich zudem kaum vorstellen können ohne eine wind- und einigermaßen regendichte Jacke auch im Herbst und Winter konsequent das Fahrrad statt eines motorisierten Verkehrsmittels zu nutzen.

Praxis-Tipp: Nach derzeitigem Forschungsstand ist es nicht sinnvoll alte Fleece-Jacken und Polyester-Sweater zu entsorgen statt sie weiter zu tragen. Versucht sie einfach eher selten zu waschen und vermeidet den Neukauf solcher Produkte. In der Entwicklung ist auch ein Nachrüstfilter für Waschmaschinen, der den Umgang mit alten Kunstfasertextilien deutlich erleichtern würde. 

 

Für den gruene wiese-Store und -Onlineshop gehen wir mit dem Mikroplastikthema folgender Maßen um: Häufig zu waschende Produkte wie T-Shirts, Kleider und Pullover sind frei von Kunstfasern, egal ob recycelt oder nicht. (Ausnahme: einige wenige, meist eng anliegende Damenoberteile sowie Jeans und Socken enthalten geringe Mengen Elasthan). Für Sneaker, Rucksäcke und Außenjacken sind saubere recycelte Kunststoffe dagegen gern gesehen. Möglichst aus sortenreinem Material, damit auch ein weiteres Recycling möglich ist und in jedem Fall ohne sogenannte PFCs (eine hormonähnlich wirkende biologisch nicht abbaubare Chemikaliengruppe), wenn es sich um Imprägnierte Stoffe halten sollte.

Unsere Mikroplastikpolitik hat auch zur Folge, dass ihr einige Styles von unseren Labels nicht bei uns im Laden findet. Wir hoffen damit die ja sonst schon sehr engagierten nachhaltigen Modemacher zu motivieren Alternativen zu solchen Stoffen zu finden. Um Sweatshirt-Stoffe extraweich und kuschelig zu bekommen, kann z.b. auch Lyocell/Tencel statt (Recycling-)Polyester beigemischt werden. Diese cellulosebasierte Regeneratfaser ist biologisch abbaubar und damit auch in Gewässern kein Problem. Bei Armedangels gibt es bereits einige Styles aus solchem Tencel-Bio-Baumwoll-Mix-Sweat-Stoff. Weitere Innovationen werden auch das derzeit in der Mode so beliebte und leider besonders viele Mikrofasern verlierende Polar-Fleece in einigen Jahren umweltverträglich machen. Bis es soweit ist, werden wir darauf verzichten.

Der Marktführer für Fleece-Stoffe Polartec arbeitet an einer Technik, durch die recycelte Polyester- und Nylon-Stoffe biologisch abbaubar werden und zugleich wiederverwertbar bleiben (was bisher bei vielen Bio-Kunststoffen nicht der Fall ist). Schon im Herbst 2020 will PrimaLoft mit einem wasserabweisenden Aussenstoff (Shell-Material) aus Recycling-Polyester auf den Markt kommen, der sich in 15 Monaten zu 80% auflöst. Übrig bleiben nur Wasser, Methan, Kohlendioxid und Biomasse. Und zwar sowohl wenn das Material in Gewässern landet, als auch auf Deponien.

Im Bereich Kleidung geht es also aus Nachhaltigkeitsperspektive nicht darum Plastik generell zu vermeiden. Vielmehr gilt es recycelte und saubere Kunststoffe für solche Produkte zu verwenden, bei denen dies ohne Abgabe von nichtabbaubarem Mikroplastik möglich ist. Wir sind gespannt, was da in den kommenden Jahren noch alles an neuen Materialien entwickelt wird.